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Aktuelle Strategien zur Diagnose und Therapie

Hintergrund

Aufgrund der demografischen Entwicklung treten atraumatische Wirbelkörperfrakturen immer häufiger auf. Es handelt sich hierbei überwiegend um  Kompressionsfrakturen der Lendenwirbelsäule oder imthorakolumbalen Übergang. Diese treten mitunter unbemerkt und ohne erkennbare Ursache sowie nach einem Bagatelltrauma auf. Vorwiegend sind ältere Menschen und solche Patienten, deren Grunderkrankung oder Lebensweise zu einer unzureichenden Stabilität der knöchernen Wirbelstrukturen führt, betroffen.

Da die Diagnose häufig verzögert oder gar als radiologischer „Zufallsbefund“ gestellt wird, fehlen in der wissenschaftlichen Literatur weitgehend zuverlässige  Angaben zur Inzidenz und Prävalenz dieser Frakturform. Da zudem nicht alle Patienten einen Arzt kontaktieren ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Die Gründe hierfür liegen unter anderem in den mitunter geringen Beschwerden, die nicht zu einer bildmorphologischen Sicherung derDiagnose „Fraktur“ führen. Ältere Menschen sind nicht nur in ihrer Mobilität eingeschränkt und damit im Zugang zum Gesundheitssystem benachteiligt, sondern leiden häufig unter anderen im Vordergrund stehenden Komorbiditäten. Ebenso ist davon auszugehen, dass bei Vorliegen kognitiver Beeinträchtigungen wie bei Demenzen oder nach Schlaganfall atraumatische Wirbelfrakturen unterdiagnostiziert werden.

Die Ursachen können maligne oder benigne Raumforderungen, metabolische Erkrankungen mit Verringerung der Knochenstabilität und Mikroarchitektur oder auch entzündliche Erkrankungen der Wirbelsäule sein. Seltene Erkrankungen wie die Osteogenesis imperfecta oder das Gorham-Stout-Syndrom, aber auch der spinaleMorbus Paget können ebenso mit atraumatischen Wirbelfrakturen einhergehen. Häufig beobachtet wird die osteoporotische Sinterungsfraktur bei primärer oder sekundärer Osteoporose.

Metastasen sind die häufigste Ursache von spinalen Knochentumoren der Wirbelsäule [1]. Bei kortikaler Beteiligung oder Osteolyse kann es zu  pathologischen Kompressionsfrakturen kommen. Atraumatische Kompressionsfrakturen können auch aus anderen primären Wirbelneoplasmen sowie aus entzündlichen Erkrankungen resultieren.

Die Osteoporose als eine häufige Quelle für Wirbelkörperkompressionsfrakturen bei älteren Menschen kann möglicherweise nicht von denenmetastatischer Herkunft unterschieden werden. Die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Typen der atraumatischen Kompressionsfrakturen ist jedoch notwendig, um eine angemessene Staging- und Therapieplanung insbesondere in den akuten und subakuten Stadien festzulegen. Anamnestische Daten zu  vorbestehender Erkrankung sind hilfreich, um die mögliche Ursache eines Wirbelkollapses zu bestimmen und um neben der Therapie der Fraktur auch eine Therapie der zugrunde liegenden Ursache einzuleiten. Aufgrund der Heterogenität der Ursachen sind die Therapieoptionen ausgesprochen vielfältig undunterschiedlich, in dieser Arbeit werden verschiedene Ursachen von atraumatischen Frakturen gezeigt.

Aktuelle Daten zeigen, dass auch in Deutschland das Bewusstsein um die Prophylaxe und Therapie atraumatischer Frakturen bei Orthopäden und Unfallchirurgen unzureichend ist [2]. Mit der vorliegenden Arbeit wollen wir dieses schärfen und den Leser für dieses besondere Kollektiv sensibilisieren.

Definition

Die atraumatische Wirbelkörperfraktur ist durch ein spontanes Auftreten ohne ein adäquates Traumaereignis gekennzeichnet. Ursache ist häufig eine  erkrankungsbedingte mechanische Schwächung des betroffenenWirbelkörpers [3]. Die Definition liefert noch keine Erkenntnis über die zugrunde liegende Grunderkrankung. DieTherapie kann je nach Frakturmorphologie und abhängig von der Ursache der Fraktur sowohl operativ als auch nichtoperativ sein.

Klinische Symptomatik

Die Betroffenen verspüren initial häufig nur geringe bis gar keine Beschwerden. In der Anamnese lässt sich kein Trauma oder nur ein Bagatellereignis erheben. Lokal können Klopfschmerzen vorliegen. Diese können mit Erschütterungsschmerz, Fersenanprallschmerz oder einer gürtelförmigen Ausstrahlung einhergehen. Erschwert wird die klinische Symptomatik insbesondere bei degenerativ bedingten atraumatischen Frakturen wie dem osteoporotischen Knochenbruch durch vorbestehende klinische Beschwerden wie Spondylarthrosen und Stenosen [4].

Es können aber auch frakturferne Beschwerden vorhanden sein. Diese treten sekundär durch frakturbedingte Deformitäten der Wirbelsäule auf. Klassisches Beispiel ist die muskuläre Dekompensation einer Hypolordose der Lendenwirbelsäule oder eine pathologische Kyphose im thorakolumbalen Übergang beimultiplen Sinterungen derWirbelsäule. Die Damit einhergehende verringerte Körpergröße führt zudem zu einer vermehrten Druckbelastung der Facettengelenke.

Bei schweren Deformierungen oder Fehlstellungen sowie invasivem Wachstumbei Raumforderungen in den Spinalkanal besteht die Gefahr von neurologischen Auffälligkeiten. Neurologische Symptome können auch bei ausgeprägten Ossifikationen, bedingt durch die Heilung von Frakturen, oder infektiösen Wirbelsäulenerkrankungen auftreten.

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Es schreibt für Sie:

Dr. med. Tjark Tassemeier
Dr. med. Tjark Tassemeier
Leitender Arzt Sana Fabricius-Klinik Remscheid
Leitender Arzt Department für Wirbelsäulenchirurgie St. Josef Krankenhaus Hilden
Leitender Arzt Department für Orthopädie St. Josef Krankenhaus Haan
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Spezielle Orthopädische Chirurgie